CREM to go

Nearshoring ein Trend mit Zukunft?

23. September 2021

Bereits vor Corona hat sich gezeigt: Der Ansatz „Just in Time“ stößt an seine Grenzen. Extremwetterlagen, politische Instabilitäten und kurzfristige Ausfälle häufen sich. Langjährige Lieferketten und die Verlagerung von Produktionsanlagen ins ferne Ausland gehören somit auf den Prüfstand. Nearshoring bietet eine Alternative. Ein Überblick.

Ein Bericht von Leander Frank, Swiss Life Asset Managers

 

Als am 23. März 2021 das Containerschiff „Ever Given“ auf Grund lief, war der weltweite Handel empfindlich gestört. Hunderte Schiffe saßen tagelang im Suezkanal fest. Wenig später, im Mai, herrschte im Hafen von Yantian in China nach einem Corona-Ausbruch über Wochen Stillstand. Abermals gerieten die internationalen Lieferketten völlig durcheinander. Frachtpreise vervielfachten sich, vereinbarte Lieferzeiten wurden hinfällig.

 

Tatsächlich haben die Unsicherheiten der weltweiten Warenströme bereits vor Corona deutlich zugenommen. Ob auf der politischen Weltbühne infolge von „America First“, Handelskonflikten mit China oder angesichts der vermehrt auftretenden Extremwetter-Ereignisse – mit der steigenden Labilität der Transportwege ist ebenso das Risiko teurer Engpässe für Unternehmen gewachsen. Erst Ende Juni haben die Experten des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) die Schäden der Engpässe und Verzögerungen in den globalen Lieferketten für die deutsche Volkswirtschaft auf rund 25 Milliarden Euro taxiert.

 

Engpässe führen zu Zwangspausen und Kurzarbeit
Vor diesem Hintergrund mag es nicht verwundern, dass nach Jahrzehnten der Auslagerung in ferne Produktionsländer immer mehr Unternehmen diese Praxis zu hinterfragen beginnen. Zumal ihnen ein neues Lieferkettengesetz inklusive weiterer Vorschriften und Einschränkungen das Leben nicht nur schwerer, sondern auch teurer machen könnte. Zwar ist das Gesetz auf Bundesebene zunächst weniger strikt ausgestaltet worden als ursprünglich befürchtet. Doch eine gesetzliche Nachschärfung gilt als alles andere als unwahrscheinlich, zumal auf EU-Ebene bereits an einem eigenen europäischen Lieferkettengesetz gefeilt wird, das sich schließlich als weiterer Belastungsfaktor erweisen könnte.

 

Um die Resilienz ihrer Lieferketten zu erhöhen, erwägen nun viele Unternehmen eine Verlagerung entweder in heimische Regionen oder in Nachbarländer. Somit stehen zwei Modelle in Konkurrenz: Reshoring versus Nearshoring.

 

Fast jedes zweite deutsche Unternehmen erwägt Nearshoring
Wie intensiv sich Unternehmen mit Nearshoring, also der Rückführung jener Unternehmens- oder Herstellungsprozesse in Nachbarländer, die im Rahmen des Outsourcings ins Ausland verlagert wurden, beschäftigen, belegt eine aktuelle Befragung von rund 1.200 Unternehmen weltweit. Danach streben 30 Prozent eine Verlagerung ihrer Produktion in nahe gelegene Länder an. Von den deutschen Firmen sind dies sogar 44 Prozent. Vor allem wenn das Nachbarland Teil derselben Zollunion oder desselben Freihandelsabkommens ist.

 

Dabei haben deutsche Unternehmen insbesondere Länder in Osteuropa und Nordafrika ins Visier genommen. Nur zehn bis 15 Prozent der befragten Unternehmen streben hingegen ein Reshoring an – also die Produktion tatsächlich ins Heimatland, statt in nahegelegene Länder zu holen.

 

Zudem erwägen 55 Prozent nicht nur die Verlagerung der Produktion, sondern auch das Hinzuziehen neuer Lieferanten. Dass sich inzwischen „Diversifizierung“ zu einem Wort gemausert hat, das in diesem Zusammenhang immer wieder fällt, ist durchaus kein Zufall, beschreibt es doch eine entscheidende Entwicklung: Lieferketten werden längst nicht mehr nur über den Preis ausgewählt, sondern auch mit Blick auf die Robustheit der Logistik in Krisenzeiten. Mit alternativen Zulieferern lässt sich somit deutlich flexibler auf Krisen reagieren.

 

Ein Comeback der Produktion in Deutschland ergibt wenig Sinn
Warum aber nur wenig Reshoring nach Deutschland? Die Antwort ist recht simpel: Eine Neuansiedlung von Produktionsstandorten ist angesichts der hohen Lohn- und Stückkosten nur in einem kleinen Teil der Fälle sinnvoll, wobei auch die Aspekte Steuern, Abgaben sowie Subventionen eine Rolle spielen. Vollautomatisierte Prozesse und die Zuhilfenahme von Robotik, auf die hierzulande immer häufiger gesetzt wird, würde eine Rückführung nach Deutschland wiederum begünstigen.

 

Aber ein vollständiges „Zurückdrehen“ der Globalisierung wäre angesichts der Abhängigkeiten, z. B. vom chinesischen Markt, nicht nur äußerst schwierig – die Pandemie hat uns dies erst kürzlich wieder vor Augen geführt – sondern zudem auch gar nicht notwendig, bietet doch eine intelligent ausgestaltete Diversifizierung eine deutlich bessere Alternative zur Abkoppelung von internationalen Lieferketten. Neben einer breiteren Aufstellung des Lieferantennetzes tragen außerdem eine Recyclingförderung sowie eine verbesserte Lagerhaltung dazu
bei, die Krisenresilienz deutlich zu erhöhen. Gleiches gilt für eine „Just-in-Case“-Infrastruktur, die bei Bedarf systemrelevante Lieferketten abdeckt, ganz im Gegensatz zu einer Politik der Isolation, die wichtige Vorteile internationaler Arbeitsteilung und somit den Wohlstand in Deutschland und Europa aufs Spiel setzen würde.

 

Um künftig auf die neuen Herausforderungen flexibel reagieren zu können, wird es für Unternehmen insbesondere auf zwei Faktoren ankommen: Einerseits auf ein effizientes Risikomanagement und andererseits auf eine verbesserte Transparenz in der Lieferkette. Beide Aspekte bedingen sich nicht nur gegenseitig, sondern schaffen zugleich die Grundlage für ein erfolgreiches Nearshoring.

 

An mehr Digitalisierung führt kein Weg vorbei
Hierbei gilt es auch, ganz besonders digitale Technologien zu prüfen, die mehr Produkt- und Liefertransparenz ermöglichen. Mit ihnen lassen sich Kunden über Lieferzeiten informieren sowie frühzeitig Maßnahmen ergreifen, um kostspielige Verzögerungen und enttäuschte Kunden zu vermeiden. Serviceportale, Sensoren an Containern und
automatische Berichte über Lagerbestände ermöglichen zudem Informationen in Echtzeit. Dies ist vor allem auf der „letzten Meile“ der Zustellung wichtig, wo Drittanbieter übernehmen und Unternehmen den Überblick über diesen Teil der Customer Journey verlieren könnten.

 

Digitale Lösungen helfen zudem, das Gleichgewicht zwischen Resilienz, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit immer wieder aufs Neue auszubalancieren. So können Unternehmen beispielsweise mithilfe innovativer Simulationswerkzeuge nicht nur belastbare Aussagen über kurz- und mittelfristige Entwicklungen der Produktnachfrage zuverlässig treffen. Mit ihnen lässt sich außerdem präzise einschätzen, ob der Materialbestand angemessen ist, welche Lieferanten dringend benötigtes Material liefern können und wie der Produktionsbetrieb angepasst werden muss.

 

Spezielle Anwendungen ermöglichen zudem, Lieferketten über die Krisenzeit hinaus widerstandsfähig zu halten. Im Mittelpunkt steht ein effizienter Betrieb im Normalzustand – mit der Möglichkeit zur dynamischen Anpassung, wenn sich die Rahmenbedingungen plötzlich ändern. Dabei wird simuliert, wie die Lieferkette reagiert, wenn bestimmte Segmente über längere Zeit nur eingeschränkt funktionieren oder ganz ausfallen.

 

Nearshoring als Klimaschutz und Kostensenker
Zugleich lässt sich mit nachhaltigen Lieferketten punkten. Obwohl viele Unternehmen inzwischen den CO2-Ausstoß ihrer Produktionsanlagen überwachen, tun sie sich mit der Ermittlung des unternehmensweiten CO2-Fußabdrucks nach wie vor schwer. Dabei gibt es inzwischen auch dafür passende Lösungen. Sie machen den Ausstoß von Treibhausgasen über Produktions- und Lieferketten hinweg messbar und helfen Unternehmen, CO2-Emissionen vollständig und systematisch darzustellen.

 

Auch auf monetärer Ebene steigt mit der Bedeutung des CO2-Preises im Rahmen der Klimaschutzmaßnahmen zugleich das Sparpotenzial für Unternehmen. Dies gilt ebenso für ein effizientes Nearshoring: Die Produktion in der Nähe von Konsumenten, Kunden und Auftraggebern sowie möglichst wenige Transportbewegungen tun nicht nur dem Klima gut, sondern sind obendrein wahre Kostensenker.

 

Nearshoring als Patenrezept?
Es gibt nicht ‚die eine‘ Lösung beim Thema Nearshoring, dafür sind die Ausgangslagen und die Anforderungen zu unterschiedlich sowie die Lieferketten zu komplex. Wenn Unternehmen kurz- und mittelfristig lieferfähig bleiben wollen, muss jede Entscheidung auf den Prüfstand. Ein wichtiger Aspekt ist hierbei die Flexibilität – sowohl in Bezug auf die Immobilienstrukturen als auch in puncto Standortentscheidung und Produktionsanlagen. Das gilt für das eigene Unternehmen ebenso wie für die Auswahl von Lieferanten und Lieferketten.

 

Während in vielen Unternehmen jede Produktentscheidung vor dem Launch mehrdimensional betrachtet und vielfach analysiert wird, fallen immobilienspezifische Beschlüsse häufig recht eindimensional aus. Und das, obwohl sie oft viel langfristigere Folgen auslösen. Unsere Experten wissen um die Komplexität und bieten rund um das Thema Nearshoring und Immobilien gerne mehr als nur ‚den einen‘ Lösungsansatz: eva-kristin.seeber@swisslife-am.com.

 

WELT DER WIRTSCHAFT

Zahl des Monats
Es wird vorausgesagt, dass der Wert des europäischen Nearshoring Markts zwischen 2018 und 2021 um 11 % auf rund 85.8 Mrd. EUR wächst.

 

Quelle: K&C (Krusche & Company GmbH)

Nach oben
This site is registered on wpml.org as a development site. Switch to a production site key to remove this banner.